2 Stunden bei einem zweifachen Special Olympics‑Weltmeister

Ursprünglich wollte ich einfach einen nüchternen Faktenbericht schreiben – über Platzierungen, Siege und Medaillen. Doch während ich daran arbeitete, spürte ich, dass das nicht richtig wäre. Ein solcher Bericht hätte niemals das transportiert, was ich an diesem Abend fühlen durfte. Er hätte nicht das wiedergegeben, was Erik ausmacht.

2h in Mistelbach mit Erik Schirmer, einem zweifachen Weltmeister bei den Special Olympics

Eine persönliche Geschichte von Alexander Fürlinger

Es ist früher Abend, als ich nach Mistelbach hinüberfahre. Renning und Mistelbach – derselbe Ort und doch trennt sie ein Tal, das Gusental –, aber an diesem Tag fühlt es sich an, als würde ich in eine für mich andere Welt eintreten. Eine Welt, in der ein junger Mann mit einer ruhigen Stimme, einem offenen Lächeln und einer beeindruckenden Sammlung an Erfolgen auf mich wartet und ich mich sofort wohlfühle.

Als ich am Haus ankomme, steht Erik mit seiner Familie schon im Garten vor der Terrassentür, als hätten sie es schon nicht mehr erwarten können. Nicht nervös – im Gegensatz zu mir –, nicht unsicher, sondern bereit. Bereit, eine Geschichte zu erzählen.
„Wann geht’s los?“, fragt Erik – und in diesem Moment weiß ich: Er brennt darauf, mir einen Einblick in sein Leben zu geben.

Wir setzen uns an den Wohnzimmertisch. Und ich brauche keine fünf Sekunden, um zu verstehen, dass dieser Tisch besonders gestaltet ist. Er ist bedeckt mit Medaillen, Zeitungsausschnitten, Maskottchen, Erinnerungen – und mit einer Aura, die man nicht beschreiben kann, sondern nur spüren.


Es ist die Aura eines Menschen, der etwas geschafft hat. Etwas Großes. Etwas, das weit über Haibach hinausstrahlt. Und ich merke, dass mir die Tragweite dessen, was Erik schon erreicht hat, in diesem Moment noch gar nicht ganz begreiflich ist.

Wien 2026 – wieder Weltmeister

Erik beginnt zu erzählen mit dem, was ihm am wichtigsten ist: Boccia. Wien. Sommerspiele 2026. Gold im Doppel. Bronze im Einzel, genauso wie in Berlin im Jahr 2023, aber dazu später.
Er erzählt es nicht wie jemand, der prahlt. Er erzählt es wie jemand, für den es selbstverständlich ist, sich anzustrengen, um zu siegen.

Seine Augen leuchten, als er die Medaille am Esstisch immer wieder betrachtet. Und während ich ihm gegenübersitze, spüre ich, dass der Sieg nur ein Moment ist – aber der Weg dorthin das eigentlich Große ist.

Seine Mutter, Yvonne, sitzt neben ihm, und ich spüre, wie stolz sie ist. Man merkt, wie sehr seine Familie hinter ihm steht. Wie sehr sie mit gefiebert hat. Wie sehr sie stolz ist. Immer wieder werfen Eriks Bruder und Schwester einen Blick zu uns herüber – nicht aufdringlich, sondern mit dieser stillen Art, die sagt: Wir sind stolz. Und dafür braucht es keine Worte.

Und ich merke: Diese Familie trägt, diese Familie hält, diese Familie macht möglich. Und als sie mir das erste Foto zeigen – den entscheidenden Moment, den aller letzten Wurf, bevor klar war, ob es Gold wird oder nicht –, spüre ich selbst die Anspannung. Ich ertappe mich dabei, wie ich darüber nachdenke, wie es mir gehen würde, wenn mein eigener Sohn kurz vor einer Weltmeister‑Goldmedaille steht und dieser eine letzte Ballwurf alles entscheidet. In diesem Augenblick verstehe ich den angespannten körperlichen Ausdruck, den das Foto beschreibt.

Berlin 2023 – Erster internationaler Erfolg bei den World Games

Wir blättern weiter vor im Fotoalbum. Berlin. Die große Bühne. Die Weltmeisterschaft. Unglaublich, riesig, einfach beeindruckend – das sind die Eindrücke, die mir Erik und Yvonne hier gegeben haben.

Erik erzählt mit einfachen Worten von den vielen Nationen, den unterschiedlichen Sprachen, den Begegnungen. Wie Spieler aus Seychellen, Zypern, Deutschland, Frankreich miteinander gelacht haben, obwohl sie sich sprachlich kaum verstanden.
„Aber wir haben uns trotzdem verstanden“, sagt er. Und ich glaube ihm sofort.

Yvonne erzählt vom Finale. Vom Nervenkitzel. Vom Moment, als klar war: Gold im Doppel. Bronze im Einzel. Bronze im Team.

Und dann erzählt er vom Heimflug. Das war für ihn das Highlight. Nicht die Medaille. Nicht das Podest. Sondern der Moment, als er mit den anderen Athleten im Flugzeug saß – als Teil eines österreichischen Teams, das die Welt gesehen hat und als Sieger zurückkehrt.

Was ich in diesen zwei Stunden gespürt habe

Ich sitze da, höre zu, stelle Fragen – und irgendwann merke ich, dass ich etwas fühle, das ich nicht erwartet habe.

Ich fühle Stolz, der im Raum liegt. Der Stolz, der in Eriks Augen steht. Der Stolz, der in Yvonnes Stimme mitschwingt. Der Stolz, der Haibach erfüllt, wenn man von Erik spricht.

Und ich fühle etwas Zweites: Eriks Einschränkung ist kaum spürbar.
Nicht in seiner Art. Nicht in seiner Konzentration. Nicht in seinem Ehrgeiz. Nicht in seiner Leistung.

Er ist ruhig. Gelassen. Lustig. Cool. Und wenn es um Boccia geht: maximal fokussiert.

Ich sehe einen jungen Mann, der im Sport alles vergisst, was ihn im Alltag vielleicht bremst. Einen jungen Mann, der zeigt, dass Talent und Disziplin keine Grenzen kennen. Einen jungen Mann, der ein Vorbild ist – für viele von uns, die bei kleinen Hindernissen vielleicht schon aufgeben würden.

Ich sehe auch seinen Stiefvater, der Erik nicht bemuttert und ihn nicht als jemanden mit Einschränkungen behandelt, sondern einfach als vollwertiges Familienmitglied. Ganz selbstverständlich, ganz normal. Und ich erlebe eine Familie mit einer Leichtigkeit, in der der Schmäh nie zu kurz kommt. Eine Familie, in der man sich gegenseitig liebevoll auf der Schaufel hat – nichts Angespanntes, nichts Übervorsichtiges –, einfach dieses lockere, herzliche Miteinander, das wir uns alle zuhause wünschen.

Die Menschen, die ihn begleiten

Erik erzählt von seinem Trainer Gottfried Alberndorfer. Von der Lebenshilfe Freistadt. Von den Vormittagen beim Penny, wo er arbeitet. Vom Rasenmähen und seinen Hobbys. Von der neuen Boccia‑Bahn im Garten der Lebenshilfe. Vom Wintertraining in Leopoldschlag. Jetzt wird mir erst bewusst, was seine Siege eigentlich alles ermöglichen, was zuvor nicht möglich gewesen ist.

Ich merke: Das ist ein Netzwerk. Ein Team. Eine Gemeinschaft.

Und ich merke auch: Ohne diese Menschen wäre vieles nicht möglich. Aber ohne Erik wäre es auch nicht möglich. Denn er bringt etwas mit, das man nicht trainieren kann: Herz.

Haibach steht hinter seinem Athleten

Als ich gehe, bleibt ein Gefühl zurück: Haibach hat einen Athleten, der weit über die Gemeindegrenzen hinausstrahlt. Einen Athleten, der zeigt, was möglich ist. Einen Athleten, der Unterstützung verdient.

Deshalb schenke ich ihm mit diesen Zeilen die Möglichkeit, seine Gefühle, seine Geschichte und ein Stück seiner Lebenswelt nach außen zu tragen.

Darum möchte ich am Ende dieser Geschichte sagen:
Unterstützen wir Erik, unterstützen wir die Lebenshilfe Freistadt durch Sponsoren. Unterstützen wir jene, die jeden Tag zeigen, dass Grenzen nur im Kopf existieren.

Haibach darf stolz sein. Ich bin stolz.


Erik ist jemand,
– der im Moment lebt.
– wenn er spielt, ist er fokussiert.
– wenn er erzählt, ist er voll da.
– wenn er strahlt, strahlt auch sein Gegenüber.

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